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In der übrigen Zeit, die für den Aufenthalt im Freien zur Verfügung steht, wird bei den größeren Kindern, besonders bei den Knaben, die vor der Schulentlassung stehen, die Arbeitseinstellung nach Kräften zu bilden versucht durch Arbeitsaufträge körperlicher Art, mit Schaufel, Spaten, Rechen und Karren im Garten, im Hof oder wo sich sonst Gelegenheit bietet oder wo sie sich erfinden läßt. Auch andere körperliche Arbeiten werden gesucht und nach Maßgabe der Kräfte an die Kinder der verschiedenen Altersstufen verteilt. Die Mädchen lassen sich naturgemäß mehr als Hilfe für häusliche Arbeiten verwenden, die Knaben mehr zu Garten- und Hofarbeiten. Hervorzuheben ist, dass dieselben nur verhältnismäßig kurze Zeit beanspruchen sollen, um genügend Zeit für die freie Bewegung zu lassen und daß sie der körperlichen Kräftigung dienen müssen, darum fast ausschließlich im Freien geleistet werden. Die mittleren Altersstufen werden angehalten ihre kleinen Kindergärtchen zu pflegen. Es scheinen all diese Arten der körperlichen Betätigung für das Großstadtkind überhaupt, in ganz besonderem Maßstab aber für das Anstaltskind, unentbehrlich zu sein. Die Kinder verlangen selbst danach. Es fehlt nicht an der Arbeitsfreude, sondern meist an den für die Vielzahl notwendigen Arbeitsgelegenheiten. Übermäßiger Sport wird zum Sporteln, zur widerlichen Spielerei mit einer an sich ernsten Sache. Solchen Kindern fällt es außergewöhnlich schwer, auch nur eine Stunde bei einer ruhigen gleichmäßigen Arbeit auszuhalten. Sie wollen alle Minuten etwas anderes beginnen und nichts vollenden. Die Arbeitstreue ist aber eine der wichtigsten Eigenschaften im Leben der Volksgemeinschaft. Die körperliche Ertüchtigung steht somit in engem Zusammenhang mit der Bildung des Willens. Außer der körperlichen Arbeit und der täglichen Freistunde bleibt noch Zeit, um die Abteilungen oder Spielgruppen zu geschlossenen Spielen zusammenzufassen und turnerische und sportliche Übungen durchzuführen. In den Ferien wird vor allem auf den Schwimmunterricht der planmäßig erteilt wird, geachtet. Knaben und Mädchen von der 6. Klasse an sind vollzählig Freischwimmer, während die Volksschule erst von der 7. Klasse an mit dem Schwimmunterricht beginnt. Die höheren Klassen beherrschen außer dem Brustschwimmen noch andere Schwimmarten mit gesteigerten Anforderungen.
Der Ferienaufenthalt in Karlshof kommt dem Schwimmunterricht ganz besonders zu statten. Die Schwimmleistungen sind auch nach der beim Abschwimmen erzielten Zeiten im Schnell- und Dauerschwimmen als hervorragend zu werten. Außerdem besitzen die Kinder hinsichtlich ihrer sportlichen Leistungen in allen Schulen und beim Jungvolk einen guten Ruf. Die Bildung des Geistes und die Entwicklung des Charakters, die wie bereits betont mit der körperlichen Erziehung in Wechselwirkung steht, ist die Krone der Erziehungsarbeit. (.. .) Da der Unterricht in den Händen der Schule liegt, kann die Anstalt nur auf Teilgebieten Unterrichtsarbeit leisten und zwar Handarbeitsunterricht bei den Mädchen durch die Erzieherinnen, Handfertigungsunterricht (Flechten und Bastarbeit) bei den Knaben durch die Erzieherinnen, Gesangsunterricht durch den Direktor. (...) An dieser Unterrichtsarbeit wird aber grundsätzlich festgehalten, weil die Erzieher durch den Unterricht, auch wenn dieser sich nur auf ein Teilgebiet erstreckt, am besten Einblick in die seelische Entwicklung der Kinder bekommen. Außerdem fällt der Anstalt durch die Förderung und Unterstützung der Schularbeit ein wichtiges Aufgabenfeld zu. Die tägliche Überwachung der Schulhausarbeiten, die dauernde Beeinflussung und Unterweisung schwach begabter, geistig träger, an der Schularbeit wenig interessierter Kinder ist ein schwieriges und oft wenig erfreuliches Arbeitsfeld. Doch machen wir die erfreuliche Beobachtung, daß diese unermüdliche Arbeit durch Steigerung der Schulleistungen bei der weit überwiegenden Zahl der Kinder belohnt wird. Die Schulleistung ist aber ein wichtiger Gradmesser für den Erfolg der Erziehungsarbeit überhaupt. Um den Erfolg dieses Arbeitsgebietes sicher zu stellen und zu steigern, hält die Anstalt enge persönliche Fühlung mit den Schulleitungen und den Lehrern besonders der Volksschulen. Von großer Bedeutung sind im Anstaltsleben außerdem die gelegentlichen Belehrungen und die Anleitung zu Beobachtungen auf den verschiedensten Gebieten. Solche Beobachtungen ergeben sich in Haus und Hof sowie in der Stadt. Sie führen in die Geschichte der Vaterstadt, berühren mit der Kunst und dem werktätigen Leben und weisen den Weg in die Natur. Durch die Zueignung des Ferienlandheimes in Karlshof ist das Anstaltsleben der Kinder besonders in letzterer Hinsicht in der glücklichsten Weise bereichert worden. Die Kinder fahren seit 1934 in den Osterferien, an Pfingsten und in den großen Ferien regelmäßig längere Zeit in das Landheim und lernen dort im täglichen Umgang, auf Wanderungen in die nahe und ferne Umgebung, durch eigene Beobachtung, durch Umgang mit Menschen und Tieren, durch Beihilfe bei den landwirtschaftlichen Arbeiten ein Stück Heimat gründlich kennen und verfügen darum nicht bloß über viele Kenntnisse, die anderen Großstadtkindern in diesem Maße nicht vermittelt werden können, sondern lernen vor allem die Arbeit des Bauern achten. Manches Geheimnis der Tier- und Vogelwelt wird ihnen erschlossen. Abgesehen von der Belebung und Befreiung der ganzen Anstaltsarbeit, abgesehen vom Gewinn für die Gesundheit und Kräftigung der Kinder, hat darum unser Ferienlandheim in Karlshof für den Bildungsgedanken größten Wert. (...)
Nahezu alle Kinder sind durch Tod der Eltern, durch Zerfall der Familie oder Vernachlässigung der Erziehung, durch die Unmöglichkeit bei der unverheirateten Mutter zu wohnen in ihrem Gemüt und in ihrem Charakter geschädigt. Auch die unbeschwerte Kindesnatur braucht eine gewisse Zeit, bis sie über die Schicksalsschläge des Lebens, die meist viel trauriger empfunden werden als die Erwachsenen annehmen, hinweg kommt und ruhig und aufnahmebereit wird. Das außereheliche Kleinkind lernt selten die aufopfernde Mutterliebe kennen. Es fehlt im meist der auf Liebe begründete seelische Zusammenhang mit einem besorgten Menschen. Man beobachtet daher, daß sein Gemüt verhärtet und schwer zugänglich ist. Der Wechsel der Pflegestellen, der leider bei vielen Kindern wiederholt durchgeführt werden mußte und das häufig beobachtete Mißtrauen der leiblichen Mutter zur Pflegemutter schaden dem Gemüt des Kindes stark. Der Anstalt fällt die schwere Aufgabe zu, das Vertrauen all dieser Kinder zu gewinnen, denn ohne dieses Vertrauen fehlt die Bereitschaft des Kindes an seiner Erziehung selbst mitzuarbeiten, etwas anzunehmen, sich etwas sagen zu lassen. Aus Unkenntnis der Anstaltsarbeit, aus Einsichts- und Gedankenlosigkeit wurde oft von außen her, schon vor der Einweisung, das Kind in eine Furchteinstellung versetzt, aus der ein schwer zu bekämpfendes Mißtrauen entspringt. Auch die Herabwürdigung und Geringschätzung der Anstaltsarbeit spielt dabei eine bedauerliche Rolle.
Dazu kommt, daß die Umstellung auf das geordnete Anstaltsleben vielen Kindern, besonders jenen, die bisher in ungestörter Freiheit auf der Gasse bleiben ohne Notwendigkeit zu gehorchen oder sich einzuordnen, aber auch verwöhnten und verzärtelten Kindern, sehr schwerfällt. Die Erziehung in der Anstalt soll darum auf Liebe zu den Kindern beruhen. Damit ist nicht gemeint, daß die Kinder verwöhnt oder gar verhätschelt werden sollen. Gemeint ist vielmehr die Übertönung aller Erziehungsmaßnahmen, besonders der leider unvermeidlichen Strafe durch eine echte Liebe zum Kinde. Diese Einstellung gibt der Erziehungsarbeit den eigentlichen Wert. Sie schützt den Erzieher vor Ungerechtigkeit, Launenhaftigkeit, Ungeduld oder Mutlosigkeit und befähigt das Kind dem Erzieher Zuneigung und Vertrauen entgegenzubringen. Der Umgang zwischen Erziehern und Kindern soll darum möglichst zwanglos sein. Die notwendige Autorität ergibt sich aus dem inneren Wert des Erziehers. Die Kinder sind auch gern bereit, den Menschen, die für sie hingebungsvoll arbeiten, Wertschätzung zu erweisen. Außerdem bleibt noch reichlich Gelegenheit, durch Zusammenfassung und Einordnung für Schulung des Gehorsams zu sorgen. Die Anforderungen, die an das Verhalten und an die Umgangsformen der Kinder gestellt werden, richten sich nach den Anforderungen des Lebens. Die Kinder dürfen nicht das Gefühl haben, daß sie für die Anstalt strenger als andere Kinder erzogen werden sollen. Sie sollen überhaupt von dem Gefühl befreit werden, daß sie in einer besonderen, etwa gar bedauernswerten oder Mitleid erweckenden Lage wären, sie müssen vielmehr in dem gesunden Selbstbewußtsein erzogen werden, dass sie in einer glücklichen Lebenslage aus eigener Kraft ihren Beruf, ihr Leben frei und gestützt auf die starke Hilfe ihrer Vaterstadt und die unendliche Kraft des stolzen, von dem Führer neu geschaffenen Deutschland, selbst zimmern können. Der Freude und Heiterkeit gebührt daher neben der ernsten Arbeit ein wichtiger Platz im Tageslauf. Die familiäre Gestaltung des Anstaltslebens, ermöglicht durch die glückliche, familiäre Organisation der Anstalt, erhält aus diesen wichtigen Gesichtspunkten große Bedeutung. So kann und muß schließlich das Heimatgefühl der Kinder zur Anstalt im Anstaltsfamilienkreis, geweckt werden können. Im Dienste dieses Gedankens steht auch die eingangs erwähnte Arbeitserziehung. Die Kinder sollen angehalten werden, ihre Arbeitskraft in den Dienst ihrer Anstaltsheimat zu stellen. Mit Befriedigung glauben wir feststellen zu können, daß unsere Arbeit ihren Zweck erfüllt und von Erfolg gekrönt ist. Wir sehen es an den Kindern, die frei und ungezwungen sich bewegen, gewandt und geschickt ihren Verpflichtungen nachkommen, besonders aber in der Bewährung im Leben nach der Entlassung aus der Anstalt. Ebenso erfreulich ist die Beobachtung, daß die Ausgetretenen gerne durch Besuche oder durch Briefwechsel die Verbindung zu ihrer Anstaltsheimat aufrecht halten."
Um die Kinder dem Zugriff der 'Hitlerjugend' und dem 'Bund Deutscher Mädel', sowie dem immer stärker werdenden Einfluss des Nationalsozialismus auf die Erziehung, zu entziehen, wurden sie im August des Jahres 1943 unter größten Schwierigkeiten in das städt. Gut ,Karlshof' bei Ismaning verlegt. Die äußerst primitive Unterbringung in Karlshof nahm die Anstaltsgemeinschaft gegen die Wahrung der Selbstständigkeit dabei bewusst in Kauf. Leider konnten jedoch nicht alle Kinder des Kinderasyls in Karlshof aufgenommen werden, da die räumlichen Verhältnisse nur Platz für 75 Kinder (3 Gruppen mit je 25 Kindern) boten. Deshalb mussten etwa 70 Kinder vor dem Umzug aus dem Kinderasyl zu Angehörigen bzw. Verwandten oder Lehrherren entlassen werden. In jeweils eine der beiden Holzbaracken die zur Verfügung standen, wurde die Gruppe der kleinen Buben und die der kleinen Mädchen untergebracht, die Gruppe der großen Buben wurde in eine Hühnerlegehalle verlegt. Eine der beiden Malztennen wurde als Küche verwendet, die andere als Schul- und Festraum. Die Verbindung zur ,Außenwelt' (Bahnstation Ismaning) war mittels einer Draisine gewährleistet.
Über den Aufenthalt in Karlshof entnehmen wir einem Bericht vom 26. Januar 1948 Folgendes:
"Karlshof gibt der Erziehung eine besondere Prägung. Es bietet die Verhältnisse des Siedlers. Aus der Notlage entspringen die Willensimpulse, durch Arbeit die eigenen Lebensverhältnisse zu verbessern. Die ersten Monate, in denen unter Leitung eines Maurers und Zimmerermeisters unter Mithilfe aller eigenen Kräfte, auch der großen Knaben, die Gebäude verbessert und erweitert werden mußten, waren eine erlebnisreiche, tätige, wenn auch schwere Zeit, die allen unvergessen ist und Kinder und Erwachsene zu einer Gemeinschaft zusammenfügte. (...) Ziel ist die religiös-sittliche Bildung der Kinder im Sinne der Bekenntnisse der Erziehungsberechtigten. Auf die Ausbildung aller Anlagen wird großer Wert gelegt. Eine besondere Note gibt der Erziehung die Verbindung mit den Gutsbetrieben und die enge Verbindung mit der Natur. Die Beschäftigung der Kinder ist keine Frage mehr, wie seinerzeit in der Stadt. Die Arbeit drängt sich auf. Überall müssen die Kinder zugreifen, in der Küche, in den Schlafräumen, im Garten, die Mädchen beim Nähen und Flicken, die großen Knaben mußten wieder bei der Kartoffelernte in Peterhof und beim Flachsausgrasen in Zengermoos helfen. Zur Verbesserung der Heizung sammelten die großen und kleinen Kinder Holz in den benachbarten Isarauen. Das Torfstechen war eine große Sommerarbeit für alle Kinder. Das Ährenlesen war nicht leicht, aber nützlich und wurde gerne getan, wie alle anderen Arbeiten. Die schwersten Anforderungen stellte die Kartoffelernte. Die Arbeiten machen die Kinder geschickt, praktisch und stärken den positiven Willen. Da sie nicht gesucht sind, sondern sich aus dem täglichen Bedürfnis und dem Lebenslauf von selbst ergeben, stärken sie den Tatsachensinn der Kinder. Sie sind also ein hervorragendes Erziehungsmittel.
Weil sie schon bei der Evakuierung von uns in den Gesamtarbeitsablauf eintaxiert und bewußt gefördert waren und eine weitgehende Personaleinschränkung von uns selbst seinerzeit schon durchgeführt worden war, ging der im Jahre 1946 durchgeführte Personalabbau über das erträgliche Maß hinaus. Infolge Überlastung des gesamten Personals müssen die Kinder zuviel arbeiten. (...) Neben der körperlichen Arbeit ist die Anstalt bestrebt, durch Tummeln und Spiele im Freien, durch Turnen, Schwimmen im nahen Gutsweiher, Spaziergänge in die nahe Umgebung, die Kinder körperlich zu kräftigen und gewandt zu machen. Leider mußten im vergangenen Sommer die Kinder so viel arbeiten, daß dieses wichtige Gebiet der Erziehung zeitlich im Vergleich zu den Vorjahren stark eingeschränkt werden mußte. Unsere beliebten Ausflüge in die weiter entfernte Umgebung (Erding, Freising, Stausee, Erching) mußten wir wegen des Schuhwerks und der Verpflegsbeschränkungen im vergangenen Sommer unterlassen. Die zwanglose, ständige Berührung mit der Natur, die von den Erziehungskräften bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegebene Anleitung zum Beobachten, machten die Kinder im Laufe der Jahre sehr aufgeschlossen für alle Naturschönheiten, sogar für Naturstimmungen. Schon die Kleinen verfügen häufig über sehr erfreuliche Kenntnisse der Pflanzen und Tiere. Auch die Gutsarbeiten, die Arbeiten im Felde und auf dem Hof, die Zugtiere und die Weidetiere, spielen eine große Rolle im Erfahrungskreis der Kinder. Sicherlich ist es zum großen Teil der einfachen, manchmal harten Lebensführung, dem häufigen Aufenthalt im Freien bei der im allgemeinen noch befriedigenden Versorgung mit Nahrung und Kleidung zu danken, daß der Gesundheitszustand der Kinder sehr gut war. (. . .)
Der Schulunterricht wird durch zwei Lehrerinnen erteilt, die vom Schulreferat zugeteilt wurden. Wenn auch manche Mängel, wie Unvollkommenheit der Schuleinrichtung, fehlende Lernmittel, Stromsperre in den Morgen- und Abendstunden, den Unterricht hemmen, so gleicht doch die Regelmäßigkeit der Unterrichtszeiten vieles aus und führt zum Erfolg. Nicht übersehen darf dabei werden, daß die Anstalt außerhalb der Schulzeit selbst sehr intensive Bildungsarbeit leistet. Es wird von den Erziehungskräften bewußt jede Gelegenheit benützt, die Kinder geistig und sittlich zu heben und körperlich zu kräftigen. Die mühevolle aber sorgfältige Pflege der Kinder trägt das ihre dazu bei. Außerdem unterstützen die Erzieherinnen den Schulunterricht im direkten Benehmen mit den Lehrkräften durch tägliche Lern- und Übungsstunden. (...) Zum Weihnachtsfest, das in ländlicher Stille sehr stimmungsvoll verlief, wurden aus dem Anstaltshaushalt 600,- Reichsmark aufgewendet. Die Kinder wurden meist mit praktischen Geschenken bedacht (Wäsche, Kleidungsstücke, Stoffe). Die Kleineren erhielten Spielsachen, die zum Teil von den größeren Kindern und den Erzieherinnen angefertigt waren. Die reichlich gegebenen Süßigkeiten stammten größtenteils aus der Anstaltsküche. Dazu erhielten wir eine Zuwendung von Keks. Die Kinder nahmen auch an der Bescherung durch die Amerikaner im Hofbräuhauskeller teil (22.12.) Die Unterbrechung des Alltags durch Feste (Ostern, Pfingsten, Namenstage, Fasching, Nikolaus), bringt die Erzieher und die Kinder näher und erfreut das kindliche Gemüt. Die Gesänge, Gedichte und Vorträge der Kinder haben großen bildenden Wert. Die Freude kann im Anstaltsleben nicht entbehrt werden. (.. .)
Die Verköstigung der Kinder wurde seit 1945 immer schwieriger, da die Zuteilungen, besonders an Fleisch und Fett, im Frühjahr 1947 an Brot, ferner an Nährmitteln unzureichend waren. Die Anstalt ist darum auf zusätzliche Nahrungsmittel angewiesen. Die Verbesserung der Kost wird zunächst aus eigenen Kräften angestrebt. Durch Beihilfe der Kinder bei Landarbeiten auf Gut Karlshof, Peterhof und Zengermoos (Kartoffelernte, Ausgrasen von Gemüse- und Kartoffelfeldern), verdienten sich die Kinder zusätzlich Kartoffeln und etwas Getreide. Die Gemüseversorgung ist durch den eigenen Garten in der Hochstraße 8 gesichert. Durch ausreichend Kartoffeln und Gemüse ist wenigstens die Sättigung der Kinder gewährleistet. Sonderzuteilungen erhielten wir durch das Stadtjugendamt, von denen die vier ,Schweizerspenden' 1946 und 1947 die wirkungsvollsten waren; ferner durch ,German Youth Activities' im Herbst 1947 und von ,Munich Chapter Orphans Incorporated 7a Harthauserstraße' im Herbst 1947 und 1948. Seit 12. Mai 1947 bekommen die Kinder die Schulspeisung, die für die Ernährung der Kinder die wichtigste Sonderzuteilung ist, weil sie ganz regelmäßig gegeben wird. Mit Hilfe dieser Sonderzuteilungen konnte die sonst einförmige Brot-, Kartoffeln- und Gemüsekost abwechslungsreicher gestaltet werden, der Ernährungszustand der Kinder blieb auf diese Weise bis jetzt vor dem Absinken bewahrt. Der Fettmangel ist aber leider fühlbar. Sehr bedauerlich sind auch die geringen Mengen an Nährmitteln. (. . .)
Die Kinder verdienen Anerkennung für ihren Fleiß, ihre Ausdauer und ihren Widerstandswillen gegen harte Witterungsunbilden besonders bei der Kartoffelernte 1947. (...) Die Ausstattung der Kinder mit Kleidern, Wäsche und Schuhen, die Bettung, die Wäschereinigung, die Erneuerung und Instandhaltung der Kleider und Wäsche, die Schuhreparaturen sowie der Schuhersatz, sind nach der Verpflegung das umfangreichste Arbeitsgebiet der Anstaltsbewirtschaftung. Der Erfolg ist durch die Zeitumstände ebenso außergewöhnlich erschwert wie bei der Verköstigung. Die Stoffe sind schlecht und nur unter großen Schwierigkeiten zu beschaffen. Der Verschleiß an Kleidern, Leibwäsche und Strümpfen ist sehr groß. Auch die Bettwäsche zerreißt in den eisernen Stockbetten, die wegen Raummangel im Gebrauch sind, viel stärker als unter normalen Umständen. Es gibt deswegen außergewöhnlich viel Flick- und Ausbesserungsarbeiten, die von den Pflegerinnen (Hilfserzieherinnen), Erzieherinnen und den großen und kleinen Mädchen nur mit Aufbietung aller Kräfte bewältigt werden können. Ersatz für verbrauchte Kleider, Stoffe, Flickzeug und Kurzwaren ist nur in ganz geringem Maß und nur mit größten Schwierigkeiten zu erhalten. Noch schwieriger ist der Ersatz für unbrauchbar gewordenes Schuhwerk. Da infolgedessen alle Reserven aufgebraucht sind, tragen die Kinder im Winter werktags Holzschuhe, die in den Sälen sehr viel Lärm machen, für die Fußentwicklung ungünstig und nur kurze Zeit haltbar sind. Aber auch Holzschuhe können nicht mehr nachgeschafft werden. (.. .) Bei den Knaben macht sich der Kleidermangel am meisten bemerkbar. Sehr unangenehm wirkt sich der Raummangel und ganz besonders die Zerstörung der eigenen Wäschereianlage in der Hochstraße aus, weil dadurch die Anstalt gezwungen ist, im ,Müllerschen Volksbad' zu waschen." Das Kriegsende und den Einmarsch der amerikanischen Soldaten erlebten die Kinder noch in Karlshof. Endlich war für sie die Zeit vorbei, als sie nachts aufstehen und den Luftschutzkeller aufsuchen mussten, vorbei auch die beängstigenden Bilder von abgeworfenen Leuchtraketen über München sowie das erschreckende Geräusch von Bombern und Bomben. Doch noch einmal, das letzte Mal während dieses schrecklichen Krieges, kam Angst bei den Kindern auf: Jeeps fuhren vor, Soldaten, das Gewehr schussbereit in der Hand, durchsuchten die Schlafbaracken. Aber es dauerte nicht lange, und die Kinder konnten aufatmen. Während sie sich darüber freuten, von den amerikanischen Soldaten getröstet und mit Süßigkeiten beschenkt zu werden, waren die Erwachsenen erleichtert darüber, vom Joch des Nationalsozialismus befreit zu sein. Sie waren glücklich, dass alle den Aufenthalt in Karlshof, wohin sie 1943, um dem immer stärker werdenden Einfluss des Nationalsozialismus, aber auch dem Bombenhagel, zu entgehen, evakuiert worden waren, unbeschadet überstanden hatten. Als dann der Krieg endlich vorbei war, bestand bei allen nur noch der Wunsch: Zurück nach München ins Kinderasyl. Nachdem dann auch noch kurz nach Kriegsende dem Kinderasyl ein ehemaliges Erholungsheim, die ,Kasperlmühle' im Mangfalltal bei Weyarn, zur Verfügung gestellt, und sofort mit Kindern, die sich in Karlshof befanden, belegt wurde, war der Drang der Zurückgebliebenen, Karlshof möglichst bald wieder verlassen zu können, noch stärker. Das hing natürlich auch damit zusammen, dass unmittelbar nach dem Krieg, bedingt durch die Intensivierung des Landwirtschaftsbetriebes, auch vom Gut Karlshof verstärkt die Forderung erhoben wurde, einen Teil der gutseigenen Räume wieder für Zwecke des Gutes zur Verfügung gestellt zu bekommen. Außerdem war der bauliche Zustand der Baracken durch jahrelange kriegs- und nach-kriegsbedingte Vernachlässigung des Unterhalts mittlerweile so schlecht geworden - den Kindern drohten sogar gesundheitliche Schädigungen - dass sich eine gründliche Instandsetzung nicht mehr lohnte.
Doch der Umzug in das durch Luftangriffe am 24. April und 17. Dezember 1944 sowie am 7. Januar 1945 stark beschädigte städt. Kinderasyl an der Hochstraße 8, war noch nicht möglich. Das Sozialreferat hatte zwar bereits im Herbst 1947 die Wiederinstandsetzung des Gebäudes an der Hochstraße geplant, da jedoch von der Bausubstanz noch verhältnismäßig viel vorhanden war, bestand von Anfang an Übereinstimmung zwischen dem Sozialreferat und dem Wiederaufbaureferat, dass die Wiederherstellung des Gebäudes nur in seiner früheren Form erfolgen konnte. Eine andere Planung wäre vor der Währungsreform völlig sinnlos gewesen, da ein Abbruch des doch noch ziemlich bedeutenden Baukörpers und eine Neuerrichtung aufgrund einer völlig neuen Raumkonzeption nicht verantwortbar gewesen wäre. Die 75 Kinder, die im August 1943 in die Baracken des städt. Gutes Karlshof bei Ismaning verlegt wurden, fanden deshalb vorübergehend Unterkunft in Gräfelfing. Dort befand sich ein Heim, das die Bäckerinnung München ursprünglich für die erholungsbedürftigen Kinder ihrer Innungsmitglieder errichtet hatte. Während des Krieges wurde dieses Heim für die Kinder des städtischen Waisenhauses genutzt, die dorthin evakuiert wurden. Da der noch stehen gebliebene Nordflügel des städt. Waisenhauses in München zwischenzeitlich wieder in Stand gesetzt wurde, und die Kinder dadurch ins Waisenhaus zurückkehren konnten, erfolgte der Umzug der Kinder des städt. Kinderasyls von Gut Karlshof in das ,Bäcker-Waldheim' in Gräfelfing im Dezember 1948.
In der Zwischenzeit schritt der Wiederaufbau des Kinderasyls aus finanziellen Gründen zwar langsam, aber stetig voran und im August 1950 konnten die im ,Bäcker-Waldheim' in Gräfelfing untergebrachten Kinder wieder in das Kinderasyl zurückverlegt werden. Der Betrieb des Heimes erfolgte nach der Rückkehr in der vor dem Krieg bestehenden Form, d.h., die Kinder wurden wieder getrennt nach Knaben und Mädchen untergebracht und von einer Erzieherin, die von einer Pflegerin unterstützt wurde, betreut. Durch ein vergrößertes Raumangebot im wieder in Stand gesetzten Kinderasyl war es jedoch möglich, die Zahl der Gruppen von vier auf sechs zu erhöhen. Das hatte zur Folge, dass sich die Gruppenstärke von früher 35 Kinder auf nun 25 Kinder pro Gruppe reduzierte. Jeder Gruppe stand jetzt ein großer Schlafsaal und ein Tagesraum, in dem auch das Essen eingenommen wurde, zur Verfügung. Außerdem wurde in der ehemaligen Heimkapelle ein 15 Plätze umfassender Kindergarten für die noch nicht schulpflichtigen Kinder des Heims und eine Krankenstation eingerichtet. Nachdem das Leben im Heim wieder seinen gewohnten Gang genommen hatte, kam erneut der schon früher geäußerte Wunsch auf, den Namen des Kinderasyls zu ändern. Auch in der Bevölkerung fand diese Bezeichnung kaum mehr Anklang, sie sprach nur noch vom "Waisenhaus in der Au". Deshalb startete das Sozialreferat der Landeshauptstadt München im Januar 1952 einem "Wettbewerb", der einen neuen Namen für das städt. Kinderasyl zum Ziel hatte. Die Resonanz in der Münchner Bevölkerung war sehr groß. Über 250 Namensvorschläge, darunter Vorschläge wie "Spatzenburg", "Haus der Liebe" und "Märchenschloß Kinderglück", gingen beim Sozialreferat ein. Unter den eingesandten Vorschlägen befand sich auch 8-mal der Vorschlag zur Umbenennung in "Münchner Kindl-Heim". Diesen Vorschlag unterbreitete das Sozialreferat dem Stadtrat, der ihn einstimmig annahm. Im März 1952 wurde das städtische Kinderasyl in Münchner Kindl-Heim umbenannt. Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg war auch innerhalb der Heimerziehung eine ,Zeit des Umbruchs'. Viele Einrichtungen suchten nach einem neuen pädagogischen Selbstverständnis. Im Jahre 1947 entstand in der Schweiz das erste "Pestalozzi-Kinderdorf", zwei Jahre später in Österreich das erste "SOS-Kinderdorf", auch in Deutschland nahm die Kinderdorf-Idee konkrete Formen an. Die zahlenmäßig reduzierte, altersgemischte und koedukative - also familienorientierte - Gruppe, setzte sich immer mehr durch. In München bot sich die Gelegenheit, sog. ,Familiengruppen' einzurichten, zunächst im städt. Waisenhaus. Dies wurde dadurch möglich, weil das städt. Waisenhaus, im Gegensatz zum damaligen städt. Kinderasyl, bis auf seinen zwischenzeitlich wieder in Stand gesetzten Nordflügel, während des Krieges total zerstört wurde. Deshalb konnten bei der Planung des Wiederaufbaus völlig neue Wege gegangen und moderne Grundsätze der Heimerziehung berücksichtigt werden. Das ,Familienprinzip' innerhalb der Heimerziehung stellte eine neue Form der Heimpädagogik, im Gegensatz zur Anstaltserziehung, dar. Darunter verstand man vor allem: Überschaubare Gruppenstärke, Buben und Mädchen in ein und derselben Gruppe (Koedukation), altersgemischte Gliederung, abgeschlossene, die "Privatsphäre" fördernde Wohnform und das Herausbilden einer Lebensatmosphäre, eines Gruppenklimas, in dem sich Erziehungskräfte und Gruppenmitglieder menschlich begegnen und näherkommen konnten. Da dies im Münchner Kindl-Heim aufgrund der baulichen Struktur nicht durchführbar war, fanden schon bald nach dem Wiedereinzug in das alte Gebäude Überlegungen statt, für das Münchner Kindl-Heim ein neues Gebäude zu errichten, in dem die Erfahrungen und Erkenntnisse neuzeitlicher Heimerziehung realisiert werden konnten. Nachdem sich das Prinzip der ,Familiengruppen' im städt. Waisenhaus zwischenzeitlich bestens bewährt hatte, konnte man sich auf Dauer der Notwendigkeit einer Umstrukturierung des Münchner Kindl-Heims nicht mehr verschließen. Allerdings drängte sich die Frage auf, für welche Zwecke das bestehende Gebäude, ohne wesentliche Baumaßnahmen und ohne große Investitionen, verwendet werden könnte. Da das Schulreferat beabsichtigte, in München die erste städtische Tagesheimschule zu errichten, erklärte es sich bereit, das Gebäude des Kinderasyls an der Hochstraße, das aufgrund seiner vielen großen Säle dafür bestens geeignet war, zu übernehmen. Dadurch blieb der Stadtverwaltung erspart, hierfür ein eigenes Gebäude zu erstellen. Für das neue Heim wurde nach umfangreichen Verhandlungen und gründlicher Suche ein geeignetes, ca. 23 000 qm großes Grundstück an der Oberbiberger Straße 45 gefunden, und die Vollversammlung des Stadtrats beschloss am 15.Juli 1958 einstimmig, dort das neue Münchner Kindl-Heim zu errichten. Das neue Haus sollte sowohl den baulichen als auch den pädagogischen Anforderungen und Grundsätzen moderner Heimerziehung gerecht werden.
Teil 3